POLYZENTRISCHE MISSION

Gottes Mission ist in Bewegung. Weltweit beobachten Missiologen einen zunehmenden Trend: Mission geschieht immer mehr von überall nach überall. Heute senden Kirchen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa gemeinsam Menschen in alle Welt. Timothée Joset nimmt uns mit in den Gedankengang von polyzentrischer Mission.

Eine Karte, die Eindruck hinterlässt

2016 nahm ich am Kongress der jungen Führungskräfte der Lausanner Bewegung teil. Zwei Referenten sprachen zu uns über den «Zustand des weltweiten Christentums». Mitten in ihrem Vortrag zeigten sie eine Weltkarte, die ich so schnell nicht vergessen werde: Pfeile, die von überall nach überall zeigten. Diese Karte verdeutlichte eine Realität, die mir zunehmend bewusst wurde: Heutzutage bedeutet Mission, von überall nach überall zu gehen!

Von Überall nach Überall: Das klassische Bild der Mission ist sich am drehen: Nicht Europäer bringen den Afrikanern die frohe Botschaft, sondern wir empfangen sie von ihnen.

Definition der polyzentrischen Mission

Der Missiologe Alan Yeh definiert die polyzentrische Mission sehr präzise: «Polyzentrisch bedeutet schlichtweg «viele Zentren», und das beschreibt Gottes weltweite Mission sehr treffend. […] Schon von Anfang an enthielt die christliche DNA weder ein geografisches Zentrum noch eine ethnische Mehrheit, noch ein sprachliches Monopol, noch eine heilige Sprache1

Als Schweizer, die dem Föderalismus verbunden sind, verstehen wir meiner Meinung nach intuitiv, was das bedeutet: Die gesamte Macht darf nicht an einem einzigen Ort konzentriert sein, sondern jeder muss mitreden können. Bei den grossen Missionsorganisationen sieht es jedoch oft ganz anders aus.

 

1 Allen Yeh, « What is Polycentric Mission? » [online], URL : https://missionexus.org/emq/section/articles-section-emq/what-is-polycentric-mission/, aufgerufen am 22. Juni 2026.

Biblische Wurzeln

Unser Gott ist ein missionarischer Gott. In allem, was er tut und spricht, offenbart er sich. Er ruft dazu auf, ihm nachzufolgen, er schenkt die Kraft, zu vergeben, sich zu versöhnen und anderen von dieser Macht der Gnade zu erzählen, die er grosszügig an diejenigen austeilt, die ihn als Herrn und Erlöser anerkennen. Und eines seiner wichtigsten Mittel für die Mission, das er einsetzt, ist die Bibel.

Diese Geschichte erzählt uns von Menschen, die von einem Ort zu einem anderen aufgebrochen sind (Abraham, das Volk Israel, die Apostel usw.), oft im Schatten grosser Imperien, um ein Segen zu sein und die frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden. Und von Missionaren, die ihr Verständnis der biblischen Offenbarung im Lichte des (oft überraschenden!) Wirkens Gottes in der Welt überdenken müssen.

Wer sendet heute Missionare und wer empfängt? Und wie war das 1970? Ein Vergleich. (Daten: Lausanne Movement)

Die Geschichte und die Gegenwart von Gottes Mission

Missionshistoriker weisen darauf hin, dass das Christentum die einzige Religion ist, deren wichtigstes Buch in einer Sprache verfasst ist, die ihr Gründer nicht sprach. Der christliche Glaube wird übersetzt, angenommen, neu durchdacht und nimmt jedes Mal neue Formen an, wenn er auf neue Realitäten trifft. Und diese Realitäten sind heute oft ohne wirtschaftliche oder soziale Macht, oft von mündlicher Kultur geprägt. Zahlreich sind jene Christen, die keiner Ausbildungs- oder Sendungseinrichtung angehören und sich zu ihren Mitmenschen oder in fernere Gefilde gesandt fühlen, vom Heiligen Geist getrieben, überall dort, wo sie sich gerade befinden, in Wort und Tat Zeugnis abzulegen. Auch dann, wenn Kriege und sonstige Krisen sie zur Flucht zwingen. Um es kurz zu sagen: Die Geschichte und die Gegenwart der Kirche und der Mission beweisen, dass es weder Macht noch Geld braucht, um sich seiner Sendung in die Welt bewusst zu sein.

Wie Yeh gesagt hat: «Das 19. Jahrhundert war das grosse Jahrhundert, in dem die «Majority World»2 Missionare empfing, doch das 20. Jahrhundert war das grosse Jahrhundert, in dem die «Majority World» das Christentum wieder zu ihrem eigenen machte. Nun ist das 21. Jahrhundert das grosse Jahrhundert, in dem die «Majority World» Missionare aussendet.»3

Für uns, die wir im Westen ansässig sind, ist dies einerseits ein Moment, um über die Missionsgeschichten nachzudenken, die wir uns erzählen, sowie über die Missionsmodelle, die wir vielleicht verinnerlicht haben und die wir hinterfragen müssen (junge Menschen zum Beispiel sind stark geprägt von dem Vorwurf des «Kolonialismus», der gegen Missionsorganisationen erhoben wird). Andererseits ist dies auch der Moment, einfach voller Staunen und Dankbarkeit festzustellen, dass Gott mit der Mission noch nicht fertig ist. Dass er weiterhin Berufungen weckt, damit Brüder und Schwestern kommen, um uns zur Seite zu stehen, damit das Evangelium weiterhin in einem Westen verkündet und gelebt wird, der nicht mehr viele Missionare entsendet. Anders ausgedrückt: Heute ist es die weltweite Kirche, die die meisten Missionare aussendet. Dort liegen die «neuen Zentren», auch wenn die «Entscheidungs- und Finanzzentren» oft noch im Westen liegen.

 

2 Der Begriff «Majority World» bezieht sich auf die Regionen, in denen heute die Mehrheit der Weltbevölkerung und der Christenheit lebt, wie Afrika, Asien, Lateinamerika und Teilen des Pazifikraums.
3 Allen Yeh, « What is Polycentric Mission? » [online], URL : https://missionexus.org/emq/section/articles-section-emq/what-is-polycentric-mission/, aufgerufen am 22. Juni 2026.

Was sollen wir nun tun?

Für uns andere Missionare ist es entscheidend, wann immer möglich dafür zu sorgen, dass die polyzentrische Mission auch eine Polyphonie (Vielstimmigkeit) ist. Dass sich immer mehr Stimmen dazu äussern können, was Mission heute bedeutet, und dass die Missionsberichte nicht nur davon handeln, was die Missionare tun, sondern auch davon, was Gott für und durch die Menschen tut, zu denen die Missionare gesandt wurden. Mögen unsere Zeugnisse und Berichte das Wirken des Heiligen Geistes dort würdigen, was wir vielleicht spontan als «Randgebiete» betrachten würden. Die polyzentrische Mission ist subversiv: Sie erkennt weder die imperialen Logiken von gestern noch die von heute an, seien sie finanzieller oder politischer Natur. Es ist nach wie vor die Geschichte eines Reiches, welches wie ein Senfkorn wächst, aber eines Tages in jener aussergewöhnlichen Vielfalt gipfeln wird, die in Offenbarung 7 beschrieben wird. Warum sollten wir uns nicht schon jetzt darauf vorbereiten und andere einladen, sich uns in diesem Staunen anzuschliessen?

Timothée Joset

Dank reiselustigen Eltern war Timothée auf allen Kontinenten, bevor er 20 wurde. Als REMEEF-Koordinator («Réseau de Missiologie pour l'Europe Francophone», ein Netzwerk französischsprachiger Missiologen) organisiert er Tagungen, Publikationen und Konferenzen zum Thema Mission. Sein Herz schlägt dafür, dass Christen im Westen viel mehr von der Weltkirche lernen.

 

 

 

Von Überall mach Überall

Die «Polyzentrische Missions» Entwicklung, «Von Überall nach Überall», verändert die Art und Weise, wie Gottes Mission heute geschieht und wie wir uns daran beteiligen. Für die SMG ist die polyzentrische Mission ein Herzensanliegen: Wir glauben, dass Gottes weltweite Kirche einander in ihrer ganzen Vielfalt braucht. Beispielsweise kann das postchristliche Europa von der Leidenschaft und Dynamik der Missions­bewegungen aus der «Majority World» profitieren. Demütig dürfen wir anerkennen, dass manche unserer Missionare und Partnerorganisationen schon in diesem Trend laufen. Gemeinsam machen wir Christus weltweit sichtbar – wie beim «Lausanne 4» proklamiert: «Lasst uns gemeinsam Christus verkünden und verkörpern.»

Für Ricky Heger, geboren in Pakistan, öffnen sich durch Musik weltweit Türen und Herzen.

 

Katrin und Siya, der aus dem Iran stammt, dienen in Griechenland unter Geflüchteten Menschen.

 

Jeremy und Danuxy mit Migrationshintergrund gründeten in der Schweiz eine Gemeinde.

 

Mitglieder der Partnerorganisation RescueNet leben schon in der «Von Überall Nach Überall» Realität.

 

Die Peruaner Margarita und César sind von Zürich nach Ecuador gesendet.

 

Noël Fatons Herz brennt dafür, dass Menschen Jesus kennenlernen.
Er ist aus Benin und wirkt in der Schweiz.

 

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