DREI TAGE HOFFNUNG

Einmal im Monat ermöglichen Katrin und Siya, gemeinsam mit einem Team aus verschiedenen Organisationen, geflüchteten Menschen drei Tage Abstand vom belastenden Flüchtlingsalltag. In einem sogenannten Microcamp entsteht Raum für Heilung, neue Perspektiven und authentische Gemeinschaft. Je nach Bedarf der TeilnehmerInnen wird ein unterschiedlicher Fokus gesetzt – mal Traumabegleitung, mal evangelistisch oder mal die Auseinandersetzung von Glaubensthemen. Vor allem sollen Beziehungen vertieft und Gottes Liebe praktisch weitergegeben werden.

Komm mit uns in ein Microcamp

Mittwochmorgen. Wir holen Menschen aus verschiedenen Flüchtlingslagern ab. Eine Familie sagt kurzfristig ab – damit rechnen wir. Dafür steigt spontan eine alleinerzie-hende Mutter mit zwei Söhnen ein.

Dann geht‘s los: hinaus in die Natur, an einen Ort, der nur per Boot erreichbar ist. Zwischen Olivenbäumen stehen Holzbungalows, ein Gemeinschaftsraum und viel Platz zum Spielen. Mit Gepäck und Proviant für drei Tage bringt uns ein Motorboot zu diesem Erholungsort des Hellenic Ministry. Ankommen. Durchatmen. Kennenlernen.

Mit Liebe und Humor

Am Mittagstisch sitzen wir – etwa ein Dutzend Volontäre verschiedener Organisationen – mit zwanzig Gästen aus Afghanistan und dem Iran, darunter einige Kinder. Nach dem Abwasch von Hand toben die Kinder über das Gelände. Die Angel wird ins Meer ausgeworfen, erste Gespräche entstehen.

Diesmal sind alle Teilnehmer Muslime, doch sie wissen, dass wir Christen sind und vom Christentum erzählen wollen. Das Microcamp ist nicht nur Erholung für Körper und Seele, sondern es soll auch im Geist erfrischen.

Nun kommt Siya in sein Element. Er kennt die Kultur und weiss, wie er den Weg zu ihren Herzen findet. Mit Liebe und viel Humor formt er die Gruppe zu einer Familie.

Das ist wichtig, damit ein offener Dialog entstehen kann und wir gemeinsam über Glaubensfragen diskutieren können. Sie sollen sich frei fühlen, ihre Fragen über Gott zu stellen. Wir möchten die Bibel und unseren Glauben teilen – respektvoll, transparent, ohne Druck.

Kulturelles Zusammenfinden

Ein iranisches Ehepaar leitet den ersten Input. Es wird gelehrt und in kleinen Gruppen ausgetauscht: Es geht um die Unterschiede zwischen Bibel und Koran, die Bedeutung der Bibel als heiliges Buch, alttestamentliche Prophetien über Jesus und die Grundlagen des christlichen Glaubens.

Parallel kneten die Kinder mit Playdoh, hören die Geschichte von Noah und bauen eine Arche, in der alle Plüschtiere Platz finden. Gemeinsam lernen wir einen Bibelvers auswendig.

Vor dem Abendessen entsteht spontan ein Fussballspiel. Ein Teenagermädchen steht am Rand und schaut dem «Männersport» sehnsüchtig zu. Kurzentschlossen übergibt Katrin die Kinder und geht mit dem Mädchen aufs Spielfeld. Sie geben ihr Bestes, spielen begeistert mit. Welch ein Spass! Das Mädchen soll wissen: Frauen sind gleichberechtigt. Ihr Platz ist nicht am Rand.

Zwischen kulturellem Respekt und gelebter Gleichwertigkeit die Balance zu halten, bleibt eine Herausforderung.

Abends gibt es Linsensuppe, Spiele und spontanes Tanzen. Der erste Tag geht zu Ende.

Auftanken, Erfahren, Staunen

Am Morgen geht Siya mit einem Mann fischen. Beim morgendlichen Teamgebet setzt sich eine ältere Afghanin dazu und sagt: «Ich war noch nie an so einem schönen Ort.»

Der zweite Input stellt Jesus in den Mittelpunkt: wer er ist, was er getan hat und warum wir seine Rettung brauchen. Dabei entstehen viele Fragen. Ein junger Mann ist sichtlich berührt von dem Gedanken, dass der verheissene König in einem Stall geboren wurde. Die Teilnehmenden sind erstaunt darüber, wie Jesus gelebt hat – und dass seine Jünger ganz normale Menschen waren wie wir. Viele kannten Jesus als Propheten. Doch zum ersten Mal erhalten sie einen zusammenhängenden Überblick vom christlichen Glauben.

Währenddessen gestalten die Kinder Kunstwerke aus gesammelten Naturmaterialien.

Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Er bietet viel Raum für gute Gespräche. Gemeinsam backen wir: traditionelles Fladenbrot – und Schweizer Zopf. Im Teig wie im Leben entdecken wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Geteilte Lebensgeschichten beim Backen

Eine Frau erzählt aus ihrem Leben: Ihr Mann wurde von den Taliban in den Kopf geschossen. Er überlebte – aber seitdem ist er nicht mehr derselbe. Er nimmt starke Medikamente und ist geistig abwesend. Jeden Morgen steht sie früh auf und backt frisches Brot für ihre drei Kinder. Ihre Kraft ist bewundernswert. Sie sagt: «Im Microcamp fühle ich mich wie zuhause in Afghanistan – die Natur, die Tiere, die Geräusche, die Bäume.» Hier kann sie auftanken.

Später teilt eine andere Frau ihre Geschichte. Sie ist körperlich beeinträchtigt. Seit dem Tod ihrer Schwägerin vor sechs Jahren hilft sie ihrem Bruder, vier Kinder grosszuziehen. Trotz allem lacht sie viel. Ihr Humor ist ansteckend.

Am Abend wird bis spät in die Nacht gespielt. In nur zwei Tagen ist eine vertraute Gemeinschaft entstanden. Einige wollen gar nicht schlafen – denn bald wartet wieder der Alltag im Flüchtlingslager.

Beziehungen, die bleiben

Freitag. Abschiedstag. Nach dem Frühstück diskutieren wir offene Glaubensfragen und bieten Gebet an. Die Frauen beten gemeinsam für Gesundheit, Aufenthaltsbewilligungen, ihre Familien im Heimatland etc. Bevor wir packen, wollen alle noch Fotos machen – von sich in dieser schönen Natur und mit den neuen Freunden. Wir sind wie eine Familie geworden. Man hilft einander beim Putzen und Gepäckladen.

Am Nachmittag sitzen wir gemeinsam auf ein grosses Floss und fahren übers Wasser. Die Bootsfahrt weckt bei vielen Erinnerungen an die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. Traumatische Geschichten werden geteilt – und doch wird dabei erstaunlich viel gelacht. Sogar Delfinflossen tauchen auf. Mit den Kindern wiederholen wir den Bibelvers und erinnern uns an die schönsten Momente dieses Microcamps.

Dann heisst es Abschied nehmen. Zum Glück nur vorübergehend. Denn die Beziehungen bleiben.

 

Katrin und Siya Abdi

Dank langjähriger Kontakte kam Familie Abdi gut vernetzt in Griechenland an. Siya bringt durch seinen Fluchthintergrund ein tiefes Verständnis mit: Siya kommt ursprünglich aus dem Iran, verbrachte auf der Flucht zwei Jahre in Griechenland und wohnte dann zehn Jahre in der Schweiz. Abdis Herz schlägt für farsisprechende Geflüchtete, denen sie ganzheitlich dienen möchten. Durch praktische Hilfe, das Teilen des Evangeliums und jüngerschaftliches Begleiten. Sie brennen dafür, dass Menschen, trotz schwierigen Umständen durch Jesus Befreiung und Frieden erfahren dürfen.

Was ist ein Microcamp?

Über Deutschkurse, den Frauentag oder Farsi-Programme kommen Mitarbeitende verschiedener Organisationen mit Geflüchteten in Kontakt und laden sie gezielt zu dreitägigen Lagern, sogenannten Microcamps, ein. Diese kurze Auszeit vom belastenden Lageralltag schafft Raum, Beziehungen zu vertiefen und Gottes Liebe praktisch zu leben.

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